Digitale Disruption: Wenn wir unsere Unternehmen nicht verändern, werden es andere tun

Beitrag erschien in der Huffington Post am 10.3.2017

Von Miika Kuoppamäki, Geschäftsführer Qentinel GmbH und Mitglied der Geschäftsleitung Qentinel Group

Digitale Transformation, Industrie 4.0 und Disruption sind in Deutschland mittlerweile fast zu Unwörtern verkommen. Jeder sagt etwas dazu, aber die wenigsten dieser selbsternannten Spezialisten wissen aus eigener Erfahrung, wie man ein Unternehmen führt, das größer als ein Startup und kleiner als Amazon ist. Die meisten vorgestellten Konzepte scheinen von der Realität eines Industrieunternehmens so weit entfernt wie Seattle vom Sauerland. Entweder der Nutzen der Ideen ist nicht messbar und zeigt keine wirtschaftlichen Konsequenzen auf. Oder sie bieten nur alten Wein in neuen Schläuchen. Das Resultat ist, dass viele gestandene Manager gar nicht mehr hinhören wollen. Diese überhitzte Debatte bewirkt das Gegenteil dessen, was sie erreichen soll.

Worin liegt die eigentliche Herausforderung? Albert Yu, der langjährige R&D-Leiter von Intel, hat diese schon in den 90ern wie folgt zusammengefasst: ”Wenn wir unsere Produkte nicht selbst kannibalisieren, dann wird es ein anderer tun“. In Zukunft wird sich vieles ändern: die Bedürfnisse der Kunden und Märkte, die Art wie sich Unternehmen mit ihren Käufern austauschen und mit ihnen interagieren, wie sich Mitarbeiter mit Märkten und Unternehmen untereinander vernetzen, wie sich Angebot und Nachfrage treffen. Die Herausforderung für die deutsche Industrie ist es, nicht so sehr auf ihre aktuellen Exporterfolge zu sehen, sondern zu begreifen, in welchem Tempo die anderen aufholen und wo sie vielleicht bald überholt werden, wenn sie sich nicht selbst herausfordern.

Schöpferische Zerstörung ist alternativlos

Meiner Ansicht nach besteht die Gefahr der Digitalisierung darin, Änderungen der Änderung willen anzustreben und technische Lösungen der Technik wegen einzusetzen. Es wird oft übersehen, dass ein mit neuester Technologie bewerkstelligter herkömmlicher Prozess trotzdem altmodisch und ineffizient bleibt. Von vielen wird die Digitalisierung als etwas angepriesen, was kurzerhand implementiert wird und wonach alles wieder gut ist und man weitermachen kann wie gehabt. Dem ist aber nicht so. Generell gilt, dass es nur zwei Arten von Unternehmen gibt: Unternehmen die sich verändern und Unternehmen, die aufhören zu existieren.

Es ist anzunehmen, dass wir eine Menge Schumpeter erleben werden. Von daher ist der beste Rat für den Erfolg, die Digitalisierung als einen fortdauernden Transformationsprozess über eine längere Zeit zu sehen. Ihr Ziel ist es, die Sinnhaftigkeit des Unternehmens in seiner heutigen Form immer wieder zu hinterfragen und wenn nötig, radikale Entscheidungen zu treffen. So wie zum Beispiel die deutschen Energieversorger, deren Antwort auf die Energiewende die Gründung neuer Firmen ist, die frei von Altlasten agieren können. Im Handel investiert die Otto Group in junge Digitalunternehmen, während Rewe Digital die Kunden des Handelsriesen mit neuen Serviceangeboten begeistern soll, bevor es andere tun. Auch Unternehmen wie Bosch und Vorwerk setzen konsequent auf zukunftsweisende vernetzte Haushaltstechnik für den Weltmarkt. Gute Erfolgsbeispiele für digitale Transformation findet man nicht nur in Mountain View oder Seattle, sondern auch in Köln, Gerlingen und Wuppertal.

Im Mittelpunkt steht die Wertschöpfung.

Wer Digitalisierung nur im Unternehmen implementiert, damit man auf der Welle mitschwimmen kann, wird wahrscheinlich zu kurz greifen. Wer Digitalisierung nur aus einer unternehmensinternen Perspektive sieht, nur Arbeitsschritte modifiziert und technische Plattformen implementiert, erkennt nur einen Teil der Wahrheit. Anstelle von technischen Systemänderungen sollte der durch die Änderungen erzielte Mehrwert im Vordergrund stehen. Es gilt zu verstehen, warum und wie sich die Wertschöpfung eines Unternehmens in der Zukunft ändert. Aus Wertschöpfungsketten werden Wertschöpfungsnetzwerke, deren komplexe Regeln wir neu lernen müssen.

Dazu muss der Nutzen der Digitalisierung zunächst messbar gemacht werden. Erst wenn die Zielsetzung bereits in der Planungsphase quantifiziert werden kann und durch Messung ein Kosten/Nutzen–Vergleich möglich ist, kann der Sinn oder Unsinn geplanter Änderungen nutzenbringend diskutiert werden. Als Geschäftsführer würde ich zumindest selbst keine Transformation genehmigen, deren Nutzen nicht ex-ante quantifizierbar ist. Eine Änderung ist nur dann sinnvoll, wenn wir mit Sicherheit sagen können, ob die Konsequenz der Maßnahme negativ oder positiv ist. Kurzum, es gibt keine Universallösung. Die perfekte Digitalisierung ist für mich diejenige, deren Wertschöpfung von Anfang bis Ende messbar ist.

Umdenken ist eine Führungsaufgabe

Unsere Gesellschaft durchläuft momentan auf mehreren Ebenen einen starken Wandel. Vor allem in den Teilen der Gesellschaft, die nicht zu den Nutznießern der Globalisierung gehören, steigert die Digitalisierung die bereits vorhandene Verunsicherung nur noch weiter. Das Resultat ist eine weiter steigende Unsicherheit und Angst vor allem Neuen – auch bei Mitarbeitern in den Unternehmen. Dem gilt es entgegenzuwirken. Jeder der Führungsverantwortung trägt sollte sich darum bemühen, dass die notwendige Diskussion um Disruption nicht in Hype und Hysterie ausartet, sondern mit der Kraft der Vernunft und dem Vertrauen in die positive Gestaltung der eigenen Zukunft geführt wird.